Untenrum frei

Untenrum frei – Margarete Stokowski

«Das «Untenrum» ist der Sex und das «Obenrum» unser Verständnis von uns selbst und den anderen – und beides gehört zusammen: Unterum frei zu sein bedeutet Freiheit im sexuellen Sinne.» (S. 143). Und darum geht es in diesem Buch: Sex und Freiheit.

Stokowski veranschaulicht in diesem Buch, dass man nicht als Frau geboren, sondern mittels früher gesellschaftlicher Sozialisation zu einer gemacht wird. «Mädchen sein erfüllt sich nicht von allein, es ist ein Tun – das ist es, was die Formulierung «doing gender» meint: wir müssen es tun und zwar ständig. Und das kann Arbeit sein» (S. 26). Ich rasiere ständig meine Beine, obwohl ich mit meiner Zeit besseres anzufangen wüsste.

Feminist*innen dürfen deshalb ruhig etwas aggressiver werden und die eigene Meinung laut aussprechen (heisst aber nicht, dass wir uns jetzt die Beine nicht mehr rasieren dürfen!). Und dies nicht nur auf politischer, sondern auch auf alltäglicher Ebene. Ja, auch wenn es um das Thema Sex geht. Stokowski geht sehr stark auf das Thema «Sex» ein, denn Sex ist kultur- und strukturabhängig, weshalb sie von einer Sexualmoral oder Sexualpolitik redet (vgl. S. 122). Sie schildert zudem, wie sehr die Frau bzw. deren Körper sexualisiert wird. Wir sind umgeben von unnötiger Nacktheit, doch zieht eine Frau sich freizügig an, wird sie als «Schlampe» bezeichnet (vgl. S. 142). Frauen sollen also sexy sein, aber nicht zu sexy, oder wie? Und macht man (Frau) auf dieses Problem aufmerksam, wird man (Frau) schnell mal als prüde bezeichnet (vgl. S. 72). Wir Frauen dürfen heute mitreden, mitmischen, mitbestimmen, aber dürfen dabei nicht zu anstrengend werden, sonst gelten wir als hysterisch – und genau davor dürfen wir keine Angst mehr haben. Ansonsten wird sich nie etwas ändern. Ja, es hat sich schon viel getan, aber dennoch zu wenig. Die neue Feminismuswelle ging mit ihrer radikalen Art gemischt mit Ironie (meiner Meinung gar Kommerzialisierung: pinken Girl Power–T-Shirts usw.) gar die Gefahr ein, sich selbst den traditionellen Rollenbilden hinzugeben bzw. sich als Sexobjekt zu präsentieren (vgl. S. 138).

Feminismus zu definieren ist heute beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Es gibt nicht «die Feministin», sowie es auch nicht «den Feminismus» gibt. Der Umfang und die Bedeutung des Begriffes hat sich verändert und wurde dadurch immer diffuser. Stokowski spielt daher mit dem Gedanken, sich als «Anarchistin» statt als «Feministin» zu bezeichnen. Aber schlussendlich ist es nicht die theoretische Auseinandersetzung mit Begriffen, die etwas an der Situation ändert, sondern die Taten, die wir vollbringen.

Es fühlte sich während dem Lesen an, als ob Stokowski direkt vor mir sitzen und mit mir plaudern würde. Sie spricht so viele Themen an, die mich als junge Frau sehr oft beschäftigt haben oder noch immer tun. Das Buch ist einfach, leserlich und sehr unterhaltsam geschrieben.

Ich spreche sehr oft mit meinem Freund über das Thema, wie sehr der weibliche Körper sexualisiert wird und welchen Einfluss dies auf uns – oder zumindest auf mich als Frau – haben kann. Ein gesellschaftlicher zum Teil widersprüchlicher Druck lastet auf mir. Dabei stelle ich fest, dass mein Freund sich keine oder nur selten Gedanken darüber gemacht hat.

Wie oft haben mich Männer berührt, ohne mein Einverständnis? In der sechsten Klasse hatte mir mein Lehrer (ein bereits älterer, kleinwüchsiger und rundlicher Mann), im Sportunterricht einen Klaps auf meinen Po gegeben. Wie hätte ich reagieren sollen? Die Scham plagte mich. Und je älter ich wurde, desto komplizierter wurde meine Beziehung zu meinem Körper. Heute bin ich mit mir und meinem Körper (grösstenteils) zufrieden, aber merke trotzdem, wie sehr ich mich von den gesellschaftlichen Erwartungen (bewusst und unbewusst) steuern lasse.  Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr zurückzuhalten, sobald ich in meinem Umfeld Aussaggen oder Situationen wahrnehme, die mich stören. Ich werde die Leute darauf aufmerksam machen, werde ihnen aber keine Meinung aufzwingen, denn:

«Erstens wollen einige Leute gar nicht befreit werden, und zweitens müssen alle, die möchten, sich letztlich selbst befreien» (S. 8).

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